Tanzvermittlung: Temperament und Leidenschaft

Eine Einführung von Bettina Wagner-Bergelt


Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass Tanz noch immer eine Kunstform ist, der viele Zuschauer*Innen mit Verunsicherung und Unverständnis begegnen – ganz besonders die Männer. In Deutschland tanzen wir eben nicht auf dem Tisch, wenn wir uns freuen, sondern sitzen beim Bier. WENN aber der Tanz erst einmal jemanden in den Bann gezogen hat, dann lässt er die meisten nicht mehr los – auch die Männer nicht! Denn Tanzen macht Spaß und er macht schlau, beweglich und schön… er hat Charme, Temperament und Leidenschaft. Und er ist die älteste Kunst der Menschheit.
Anders als Bodybuilding beschäftigt er Körper und Geist, Intellekt und Emotion. Man betreibt ihn gemeinsam in der Gruppe, zu Musik, steht nicht an Maschinen, sondern kommuniziert dabei mit anderen und mit dem eigenen Körper. Und man sieht ihn dann in professioneller Form auf der Bühne und versteht plötzlich die Bewegung, kann die Choreographie lesen und nachvollziehen…. für jeden erfahrenen Theater- und Konzertbesucher eine neue Herausforderung, für jede Stadt eine Chance, wenn jetzt Tanz in ihr Theater kommt, sich diesem neuen Genre zuzuwenden!
Der Entwicklung neuer Vermittlungsformate in Zusammenarbeit mit Akteuren und Institutionen am Gastspielort kommt gerade im Hinblick auf die neuen TANZLAND-Kooperationen eine wichtige Funktion zu. In den meisten Städten, in denen sich jetzt erfreulicherweise Inthega-Häuser entscheiden, zeitgenössischen Tanz aufzunehmen, braucht es diese kontinuierliche vermittelnde Kommunikation zwischen Künstler*Innen und Zuschauer*Innen, damit die neuen Publikumsschichten sich schon weit im Vorfeld der geplanten Vorstellungen aktiv mit dem Ensemble und dessen Arbeit vertraut machen können. So kann es den Häusern und auch den Ensembles gelingen, neues Publikum zu gewinnen und zu begeistern.
Für alle, die noch keine Erfahrung in der Vermittlung und kulturellen Bildung haben, finden sich hier spannende, anregende und gut erprobte Formate der Vermittlung, sowie Beratung und wichtige Adressen unter folgendem Links:

Bundesverband Tanz in Schulen e.V.

Kinder zum Olymp

TAPST BREMEN

Tanzscout Berlin

Tanzplattform Rhein Main

Physical Introduction:
Tanzvermittlung und Partizipation mit den Alumni des  MA CoDE


Eine Gruppe von AbsolventInnen des MA Studiengangs Contemporary Dance Education (MA CoDE) der HfMDK Frankfurt hat sich zum Ziel gesetzt neue Vermittlungsformate an der Schnittstelle von Tanzproduktion, Partizipation und Vermittlung zu gestalten. Unterschiedliche Erfahrungen mit dem vom Studiengang in Frankfurt entwickelten Format der Physical Introduction bilden eine Grundlage für diese Überlegungen.

Physical Introduction wurde 2013 erstmals für das Festival „Tanz im August“ in Berlin von Prof. Ingo Diehl in Zusammenarbeit mit MA CoDE-Studierenden entwickelt und wird seitdem als praktisch-physisches Partizipationsformat einer angewandten Form der Zuschauervermittlung an verschiedenen Häusern (z.B. tanzhaus nrw, Saarländisches Staatstheater, Tanz im August etc.) angeboten. Anja Bornsek hat mit einem kontinuierlichen Curriculum am tanzhaus nrw seit 2014 weitreichende Erfahrungen gesammelt und das Format weiterentwickelt. Diese Art der Vermittlung ist in Deutschland einmalig und kann von AbsolventInnen des Studiengangs den Voraussetzungen entsprechend entwickelt und durchgeführt werden. Als Akteure im Feld des Zeitgenössischen Tanzes (Performance, Choreographie, Vermittlung) mit verschiedenen Hintergründen und Schwerpunkten, verbindet die Alumni des MA CoDE auch im Rahmen von Tanzland das Interesse, den Zeitgenössischen Tanz an verschiedenste Orte zu bringen und Menschen aller Altersstufen und Bevölkerungsschichten Erfahrungen jenseits herkömmlicher Diskussionsveranstaltungen zu ermöglichen.
Ziel der Physical Introduction und anderer Vermittlungsstrategien ist es, Zuschauern anhand von Tanzpraktischen Erfahrungen und Übungen einen physischen Einblick in die Arbeit von ChoreografInnen und ihren Werken zu ermöglichen. Mit dem eigenen Körper lässt sich so die künstlerische Handschrift der jeweiligen Produktion erleben und nachspüren.

Koordination / Kontakt
Anja Bornsek anja_bornsek at hotmail.com
Zoé Alibert zoe.alibert at gmail.com

MA CoDE

Tanztreffen der Jugend 2014

tanzhaus nrw

HfMDK Frankfurt

„Der Tanzvermittlung wird häufig die Funktion des Publikumsaufbaus unter Nennung eines zu gewinnenden ‚Zielpublikums’ zugewiesen. Dieser Begriff aus der Marktforschung bleibt leider meist unterkomplex und erhält als solcher die Unterscheidung (aktive) Produktion – (passive) Konsumation im ‚Unternehmen’ Kulturinstitution aufrecht. Warum nicht das Publikum als aktive Diskussions- und Gestaltungspartner und das Theater als Kooperationspartner und Ort einer öffentlichen Debatte auffassen? Als Tanzvermittler könnten wir einen Ort der Nicht-Identifikation, des Konflikts als Bedingung für einen Raum der öffentlichen Verhandlung bzw. Verhandlung des Öffentlichen schaffen. Denn es gilt die unterschiedlichen Zuschauenden kennenzulernen, und eine reflektierte Form der Tanzvermittlung für und mit ihm aufzubauen. Was braucht der Optiker aus Arnsberg damit er sich zu einem Stück von Xavier Le Roy oder Isabel Schad eingeladen fühlt, sich berühren lassen und damit auseinandersetzen möchte?“
Angela Deutsch, Tanzscout Berlin